Rede von Kerstin Köditz zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Faschismus am 26.08.19 auf Schloss Colditz

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen!

Gelegentlich gibt es Pflichttermine, die mehr sind als einfach nur eine Pflicht,

die vielmehr einfach Freude machen. Am Samstag war einer dieser seltenen Termine. Ich war wie 40.000 andere auch bei der „Unteilbar“-Demo in Dresden.

Unteilbar: das ist ein gutes Motto, ein sehr gutes. Menschenrechte sind unteilbar,

Solidarität ist unteilbar, das Recht auf Leben in Frieden ist unteilbar.

Natürlich habe ich mich gefreut, dass der größte Block jener war, in dem Antifaschist_Innen und Migrant_Innen gemeinsam marschierten. Nein, nicht marschierten! Sondern sich vielmehr leicht und locker fast im Tanzschritt voranbewegten. Und natürlich habe ich mich gefreut, dass es ausnahmsweise in Sachsen einmal kein martialisches Polizeiaufgebot gab. Ganze 360 Polizistinnen und Polizisten waren bei der Demonstration im Einsatz. Nicht wie sonst in voller Kriegsausrüstung, sondern in der Sommerausgehuniform.

Dass die „Unteilbar“-Demo ihrem Namen alle Ehre gemacht hat, zeigten die kleinen Szenen am Rande. Da gab es den syrischen Imbiss-Betreiber, der gemeinsam mit seinen Angestellten palettenweise kostenlos Wasser an die Demonstrierenden verteilte. Da gab es die hochbetagte Frau vor einem Seniorenheim, die sich als „Ur-Oma gegen rechts“ zu erkennen gab und ein Schild gemalt auf, auf dem sie ebenso kurz wie treffend zum Ausdruck brachte, dass Nazis Scheiße sind. Überall.

Es waren solche bewegenden Szenen, die mich dann auch hinnehmen ließen,

dass sich in der Demonstration auch Leute wie ausgerechnet Olaf Scholz befanden.

Jener SPD-Politiker, der nicht unwesentlich mitschuldig ist an den Zuständen, gegen die wir am Samstag demonstriert haben. Wie viele von den 40.000 emonstrierenden

mögen wohl zu jenen gehört haben, die Scholz beim G-20-Gipfel in Hamburg hat zusammenknüppeln lassen? Denen in Hamburg wortwörtlich ein „Wellcome to hell“,

ein Willkommen in der Hölle, bereitet wurde.

Was verbindet mich mit solchen Repräsentanten des Systems? Nichts. Oder genauer: fast nichts. Der Unterschied ist wichtig. Ich kann ihm vieles berechtigt unterstellen. Nicht aber, dass er ein Faschist wäre oder diesen auch nur freundlich gesonnen. Gerade heute aber müssen wir wortwörtlich „unteilbar“ sein, unteilbar gegenüber den neuen Nazis. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Aber hinter ihn können wir nicht zurückweichen. Erweisen wir uns in dieser Beziehung als teilbar,

dann laufen wir Gefahr, dass wir erneut einzeln und nacheinander zerrieben werden.

Denen, die lauthals von den „rot-grün versifften Alt-68ern“ schwadronieren, ist es vollkommen einerlei, ob ihr jeweiliger konkreter Gegner das Parteibuch der Grünen, der SPD oder der Linken hat. Ihnen ist egal, ob es sich um einen Gewerkschafter

oder ob es sich um eine Christin handelt, ob es sich um einen demokratischen Konservativen oder um ein Mitglied der Autonomen Antifa handelt.

Unteilbar zu sein, heißt eben auch und gerade jetzt die berühmten Zeilen von Martin Niemöller zu beherzigen. „Als sie die Kommunisten holten, da habe ich geschwiegen…“

Hier, auf Schloss Colditz, waren ab 1933 jene gemeinsam inhaftiert, die vorher getrennt gekämpft und verloren hatten. An Orten wie Colditz wurde das Wesen des NS-Regimes zuerst sichtbar. Wenige Jahre später wurden aus solchen

Konzentrationslagern, wo man die politischen Gegner konzentrierte, die Vernichtungslager, wo man alle Gegner systematisch umbrachte. Wenige Jahre später wurde aus dem Krieg gegen die erklärten Feinde im Innern der Krieg gegen die äußeren Feinde. Das ganz große Morden begann. Am 1. September 1939.

Beide Daten gehören untrennbar zusammen: Der 30. Januar 1933, die Machtübergabe an die Nazis, und der 1. September 1939, der deutsche Überfall auf den Nachbarn Polen, der Beginn des II. Weltkrieges. Das war ganz und gar nicht nur wie „Vogelschiss der Geschichte“ wie es uns der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland weismachen will. Es war der Auftakt zur größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte.

Ja, und genau deshalb habe ich einen Olaf Scholz bei der Demo in Dresden akzeptiert. „Unteilbar“ heißt nichts anderes unteilbar. Wenn es „fast unteilbar“ hieße,

dann haben wir schon fast verloren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.